Es geht nicht darum, wie viele Stunden Frauen arbeiten. Es geht darum, ob sie frei entscheiden können. Im Gespräch mit den BVMW-Powerfrauen erläutert Hessens Sozialministerin Heike Hofmann, warum finanzielle Eigenständigkeit, moderne Führung und gesellschaftliche Rahmenbedingungen zusammengehören.
Die Hessische Ministerin für Arbeit, Integration, Jugend und Soziales, Heike Hofmann, trifft sich in Frankfurt am Main mit BVMW-Powerfrauen. Eingeladen habe ich, Cornelia Gärtner, Leiterin der BVMW-Geschäftsstelle Frankfurt und Hessen.
Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte fragen sich viele Unternehmerinnen, Führungskräfte und Beschäftigte: Warum ist Teilzeit in Deutschland noch immer ein Frauenthema? Was muss sich ändern, damit Frauen ihre Erwerbsarbeit wirklich selbstbestimmt gestalten können?
In meinem Interview mit der Ministerin macht diese deutlich: Teilzeit ist nicht per se problematisch. Entscheidend ist es, ob Frauen sich dafür frei entscheiden können. Oder sind es Betreuungspflichten, Pflegeaufgaben, Haushalt, Rollenbilder und fehlende Rahmenbedingungen, die sie Teilzeit drängen? Genau hier liegt für Heike Hofmann der Unterschied zwischen selbstbestimmter Teilzeit und einer „Teilzeitfalle“. Viele Frauen arbeiteten nicht in Teilzeit, weil sie dies frei gewählt hätten. Vielmehr sind sie in Mehrfachbelastungen eingebunden, die in unserer Gesellschaft noch immer ungleich verteilt sind.
Finanzielle Eigenständigkeit von Frauen
Ein zentraler Punkt ist die wirtschaftliche Eigenständigkeit von Frauen. Heike Hofmann verbindet Erwerbsarbeit ausdrücklich mit finanzieller Selbstbestimmung, Altersabsicherung und persönlicher Freiheit.
Wer über Jahre hinweg weniger als Vollzeit arbeitet oder seine Erwerbsbiografie wegen der Kindererziehung oder Pflege von Angehörigen unterbricht, muss sich auf eine niedrigere Rente einstellen.
Hinzu kommt die finanzielle Abhängigkeit in einer Partnerschaft: Fehlt die wirtschaftliche Unabhängigkeit, verharren Frauen nicht selten in Beziehungen, aus denen sie sich eigentlich lösen sollten. Heike Hofmann nennt das „finanzielle Gewalt“.
Aufgaben der Politik
Für die Politik sieht die Ministerin deshalb mehrere Baustellen: Es gilt, Pflege- und Erziehungszeiten stärker zu berücksichtigen. Frühkindliche Bildung braucht ausreichend Plätze und Personal. Und noch immer muss die Erwerbsarbeit von Frauen gezielt gestärkt werden.
Es bleibt deshalb ein wichtiges arbeits- und sozialpolitisches Thema, Frauenerwerbsarbeit zu stärken. Gleichzeitig macht Heike Hofmann klar: Wer mehr Erwerbstätigkeit von Frauen will, muss auch die Voraussetzungen dafür schaffen. Das geht insbesondere mit verlässlicher Kinderbetreuung, familienfreundlichen Strukturen und einer partnerschaftlicheren Verteilung der Sorgearbeit.
Aufgaben der Unternehmen
Für Unternehmen gibt es eine klare Botschaft: Gleichstellung entscheidet sich nicht nur in politischen Programmen, sondern auch im betrieblichen Alltag. Heike Hofmann wirbt für verschiedene Modelle:
Führen in Teilzeit
mehr Offenheit für Homeoffice und Telearbeit
Führungskräfte, die Frauen mit und ohne Kinder aktiv unterstützen
kein Karriereende wegen Schwangerschaft oder Familienphase
Betriebe, die anerkennen, dass Menschen unterschiedliche Lebensphasen durchlaufen – mit Kindern, durch Pflegeaufgaben, persönliche Krisen oder gesundheitliche Einschränkungen
Umgang mit Macht und Sichtbarkeit
Heike Hofmann spricht offen über männliche Machtstrukturen in Wirtschaft und Politik. Macht bedeutet generell, Einfluss auf Entscheidungen zu nehmen, Führungspositionen zu besetzen und gut zu verdienen. Genau deshalb geht es darum, Frauen nicht einfach nur mitzumeinen. Es gilt, ihnen tatsächlich Räume zu öffnen. Glastüren sollten nicht erst mühsam durchbrochen werden müssen – sie sollten weit offenstehen.
Frauensolidarität
Cornelia Gärtner setzt einen starken Akzent auf Frauensolidarität. Ihr Wunsch: Frauen sollten einander Türen öffnen, sich gegenseitig mitnehmen und nicht damit zufrieden sein, als einzige Frau am Tisch zu sitzen. Wenn eine Frau eine Bühne erhält, kann sie andere mit ins Rahmenlicht holen. Das ist ein klarer Appell an Netzwerke – so wie dieses, das der Powerfrauen: Sichtbarkeit entsteht nicht nur individuell, sondern auch gemeinsam.
Diskussion offenbart viele Schichten
In der Diskussion mit den Teilnehmerinnen wird deutlich, wie vielschichtig das Thema ist. Es geht um Frauen, die Mutterschaft und Vollzeitkarrieren leben und dafür Kritik erfahren. Sie erzählen von Männern, die in männerdominierten Branchen kaum passende Teilzeitmodelle finden. Frauen mit internationaler Geschichte, die zwar bei Migrationsthemen angesprochen werden, im allgemeinen Führungs- und Business-Kontext werden sie aber oft nicht selbstverständlich eingeladen. Es wird klar: Gleichstellung ist mehrdimensional. Es reicht nicht, über Frauen allgemein zu sprechen. Es gilt, Herkunft, Branche, Familienmodell, Alter und Zugang zu Netzwerken mitzudenken.
Powerfrauenfazit
Die Teilzeitdebatte ist in Wahrheit eine über Selbstbestimmung, faire Chancen und moderne Führung. Es geht nicht darum, Frauen vorzuschreiben, wie viel sie arbeiten sollen. Es geht darum, dass Menschen diese Entscheidung frei treffen können – ohne wirtschaftliche Abhängigkeit, ohne strukturelle Nachteile und ohne alte Rollenbilder. Das gilt für alle Geschlechter!!
Für den Mittelstand liegt darin eine wichtige Aufgabe: Wer Fachkräfte gewinnen und halten will, braucht Arbeitsmodelle, die Leistung, Familie und Lebensrealität zusammenbringen.
Gleichstellung beginnt nicht erst bei großen politischen Reformen. Sie beginnt dort, wo Führungskräfte Frauen ermutigen, wo Netzwerke Türen öffnen, wo Männer selbstverständlich Verantwortung auch zu Hause übernehmen und wo Unternehmen Karriere nicht mehr als geradlinige Vollzeitbiografie denken.
Genau darin liegt die Stärke der Powerfrauen: Nicht nur über Veränderung sprechen, sondern sie im eigenen Umfeld ermöglichen – zusammen mit den Männern!
Führende Business-Frauen schärfen ihre Sinne. Starke Mittelstands-Frauen wissen ihre Expertise zu nutzen. Powerfrauen vertrauen auf die Erfahrung ihres Netzwerks.
Netzwerkprofi mit großer Freude an wertschätzender Kommunikation und Erfolg. Sie liebt es, Menschen in Kooperation zu bringen. Dipl. Soziologin & Informatik-Betriebswirtin (VWA) & City-Managerin & Industriekauffrau & Betriebliche Gesundheitsmanagerin & Inhaberin der ConnyUnity. Über ein Jahrzehnt Engagement für den Mittelstand. Leitung von Der Mittelstand. BVMW e. V. Hessen und BVMW Geschäftsstelle Frankfurt am Main. Ansprechpartnerin für Presse und Politik. Gemeinsam mit fast 20 Repräsentanten vernetzt und positioniert sie in Hessen rund 1.000 Mitgliedsunternehmen und gibt ihnen eine starke Stimme.
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