Compliance gilt gerade im Mittelstand noch häufig als bürokratische Pflicht. Dabei kann sie ganz konkret dazu beitragen, Risiken zu reduzieren, Verantwortlichkeiten zu klären und Geschäftschancen zu sichern. Entscheidend ist, Compliance nicht größer und komplizierter zu machen als notwendig, sondern sie an den tatsächlichen Risiken und Anforderungen des jeweiligen Unternehmens auszurichten.
Wie das in der Praxis funktioniert, darüber spreche ich mit Philipp Herzog, Direktor beim BVMW-Mitglied Teneo Germany GmbH. Der Wirtschaftsjurist berät gemeinsam mit seinem Team mittelständische Unternehmen und internationale Konzerne zu Compliance, Governance, Risiko und Forensik. Teneo verbindet dabei strategische Beratung mit spezialisierter Expertise unter anderem in Compliance, Risiko und Forensik-Fragen. Durch die Beratung sowohl internationaler Konzerne als auch mittelständischer Unternehmen kennt er unterschiedliche Anforderungen und Strukturen aus der Praxis. Gerade im Mittelstand setzt er auf einen pragmatischen Ansatz: so viel Compliance wie nötig, aber so einfach und wirksam wie möglich.
Take-aways
Risiken kennen Nicht jede Regel ist gleich relevant. Entscheidend ist der Blick auf die wesentlichen Risiken des eigenen Unternehmens.
Einfach starten Eine kurze Richtlinie, eine Schulung oder eine Prozessbeschreibung können für kleinere Unternehmen bereits der richtige erste Schritt sein
Chancen nutzen Wer Compliance nachweisen kann, verbessert seine Position in Ausschreibungen und schafft bei Kunden, Behörden und Partnern Vertrauen.
In der Tat ist Compliance ein Thema, das im Mittelstand oft zunächst wenig Begeisterung auslöst. Es geht hier aber gar nicht um Bürokratie um ihrer selbst willen. Vielmehr bedeutet Compliance im Kern, die für das eigene Unternehmen relevanten Regeln, Gesetze und Verpflichtungen zu kennen – und sie dann so umzusetzen, dass sie im Alltag auch tatsächlich funktionieren.
Compliance ist breiter als viele denken
Compliance ist ein breites Feld. Es reicht von Korruption und Geschenken über Datenschutz und Informationssicherheit bis zu Hinweisgebersystemen und Anforderungen in der Lieferkette. Entscheidend ist deshalb nicht, alles gleichzeitig regeln zu wollen. Vielmehr gilt es herauszufinden, welche Risiken und Pflichten für das eigene Unternehmen tatsächlich relevant sind.
Pragmatisch einsteigen
Am Anfang steht deshalb eine einfache Frage: Welche Compliance-Risiken sind für mein Unternehmen tatsächlich relevant? Eine strukturierte Risikoanalyse schafft hier Klarheit. Erst danach geht es um konkrete Maßnahmen – und zwar dort, wo sie tatsächlich gebraucht werden.
Warum Compliance ab den ersten Mitarbeitenden wichtig wird
Besonders relevant wird Compliance bereits bei einer überschaubaren Zahl von Mitarbeitenden – und ihre Bedeutung wächst mit dem Unternehmen. Denn je größer das Team wird, desto weniger kann vorausgesetzt werden, dass alle dieselben Regeln kennen oder in vergleichbaren Situationen gleich handeln. Was für die Geschäftsführung selbstverständlich erscheint, ist für neue Mitarbeitende noch lange nicht „eh klar“. Deshalb braucht es klare Regeln, verständliche Prozesse und eindeutig definierte Verantwortlichkeiten.
Wie das ganz pragmatisch aussehen kann, zeigt Philipp Herzog am Beispiel der Korruptionsprävention im Vertrieb. Wo viel Vertrieb stattfindet, können Geschenke, Einladungen oder Bargeldkontakte ein Risikofeld darstellen. Eine passende Maßnahme braucht dann keine 300-Seiten-Regelung. Für ein kleineres Unternehmen kann bereits eine kurze, verständliche Richtlinie oder eine kompakte Schulung ausreichen, die den Mitarbeitenden die wichtigsten Regeln und konkreten Handlungsempfehlungen für den Arbeitsalltag vermittelt.
Vom Kostenfaktor zum wirtschaftlichen Nutzen
Unser Gespräch legt ein zentrales Missverständnis frei: Compliance wird häufig als Kostenfaktor eingeordnet, der operativ wenig bringt. Dem widerspricht Philipp Herzog ganz klar. Richtig umgesetzt, kann Compliance die Unternehmensleitung entlasten, Risiken reduzieren und im Ernstfall nachvollziehbar machen, dass angemessene Präventions- und Kontrollmaßnahmen etabliert wurden.
Compliance ist längst auch ein wirtschaftlicher Faktor. Gerade in Ausschreibungen und Vertriebsprozessen erwarten große Unternehmen und öffentliche Auftraggeber zunehmend Nachweise zu Compliance, Datenschutz, Informationssicherheit oder einer verantwortungsvollen Lieferkette. Wer entsprechende Strukturen nicht nachweisen kann, riskiert deshalb nicht nur regulatorische Probleme, sondern unter Umständen auch konkrete Geschäftschancen – noch bevor das eigentliche Angebot geprüft wird.
Wettbewerbsvorteil
Unternehmen, die sauber, nachvollziehbar und verlässlich arbeiten, sind für Kunden, Partner und Auftraggeber attraktiver. Compliance schafft also Vertrauen. Und sie kann durchaus dafür entscheidend sein, ob ein Unternehmen bei Ausschreibungen überhaupt im Rennen bleibt.
Positiver Nebeneffekt: bessere Prozesse
Compliance kann einen überraschenden Nebeneffekt haben, der nicht gleich auf der Hand liegt: Unternehmen lernen ihre eigenen Prozesse besser kennen.
In seinen Beratungsprojekten erlebt Philipp Herzog immer wieder, dass Compliance-Fragen zugleich operative Schwachstellen sichtbar machen: Verantwortlichkeiten sind nicht eindeutig geregelt, Schnittstellen unklar oder Prozesse nicht sauber beschrieben. Compliance bietet dann die Chance, nicht nur Risiken zu reduzieren, sondern zugleich Strukturen und Abläufe zu verbessern.
Compliance ist nicht nur Absicherung gegen Fehler oder Sanktionen. Sie kann durchaus dabei helfen, professioneller aufzutreten, Risiken früher zu erkennen und Vertrauen aufzubauen.
Wichtigste Empfehlung: Anfangen!
Kleinere Unternehmen brauchen kein Compliance-System wie es in einem Konzern üblich ist. Aber sie sollten sich bewusst fragen:
Welche Regeln gelten für mich?
Wo liegen meine wesentlichen Risiken?
Wer ist intern verantwortlich?
Welche einfachen Maßnahmen können helfen?
Erste Maßnahmen können eine Richtlinie, Schulung, Prozessbeschreibung oder ein kurzer externer Check sein.
Bei Compliance im Mittelstand geht es also darum, relevante Risiken zu erkennen, angemessen zu steuern und Regeln so zu erklären, dass Menschen sie verstehen und anwenden können.
Fazit
Compliance ist kein Gegensatz zu Unternehmertum. Wer sein Unternehmen schützen, handlungsfähig bleiben und neue Geschäftschancen nutzen will, sollte Compliance als Werkzeug verstehen. Sie schafft Klarheit, Vertrauen und die Grundlage für nachhaltigen Erfolg.
Video zu Vitamin C: Compliance als Wettbewerbsvorteil
Vitamin C: Interview mit Cornelia Gärtner
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Netzwerkprofi mit großer Freude an wertschätzender Kommunikation und Erfolg. Sie liebt es, Menschen in Kooperation zu bringen. Dipl. Soziologin & Informatik-Betriebswirtin (VWA) & City-Managerin & Industriekauffrau & Betriebliche Gesundheitsmanagerin & Inhaberin der ConnyUnity. Über ein Jahrzehnt Engagement für den Mittelstand. Leitung von Der Mittelstand. BVMW e. V. Hessen und BVMW Geschäftsstelle Frankfurt am Main. Ansprechpartnerin für Presse und Politik. Gemeinsam mit fast 20 Repräsentanten vernetzt und positioniert sie in Hessen rund 1.000 Mitgliedsunternehmen und gibt ihnen eine starke Stimme.
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