„Eine zukunftssichere Energieversorgung beginnt mit dem ersten Schritt. Wer seinen Energieverbrauch kennt und gezielt in wirtschaftlich sinnvolle Maßnahmen investiert, kann Kosten senken, die Widerstandsfähigkeit seines Unternehmens stärken und zugleich die nachhaltige Entwicklung des Mittelstands voranbringen.“
Cornelia Gärtner
Steigende Energieanforderungen, begrenzte Netzkapazitäten und unvorhersehbare Krisen stellen mittelständische Unternehmen vor neue Herausforderungen. Wie lässt sich die Energieversorgung langfristig sichern, ohne die Wirtschaftlichkeit aus den Augen zu verlieren?
Mit Christof Rautenberg, Head of Sustainable Process Design beim BVMW-Mitglied SE + P Consulting GmbH spreche ich darüber, wie der Mittelstand Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit verbinden kann. Der Energieexperte erläutert,
welche Risiken Unternehmen künftig berücksichtigen sollten,
wo Einsparpotenziale liegen und
warum ein strategischer Blick auf Energieversorgung, betriebliche Prozesse und Krisenvorsorge immer wichtiger wird.
Versorgungssicherheit ist keine Selbstverständlichkeit mehr
Deutschland ist seit langem an eine äußerst zuverlässige Energieversorgung gewöhnt. Strom steht in der Regel jederzeit zur Verfügung – eine Selbstverständlichkeit, auf die sich viele Unternehmen bei ihrer Produktionsplanung verlassen.
Doch Christof Rautenberg warnt davor, diese Sicherheit auch für die Zukunft vorauszusetzen. Elektrifizierung, Rechenzentren, neue Produktionsanlagen und zunehmende Klimatisierung: Der steigende Strombedarf stellt die vorhandene Netzinfrastruktur vor erhebliche Herausforderungen. Gleichzeitig kommt der Netzausbau vielerorts nicht schnell genug voran. Für mittelständische Unternehmen kann dies konkrete Auswirkungen haben: Benötigt ein Betrieb zusätzliche Netzkapazitäten für eine neue Produktionsanlage, muss es mitunter mit erheblichen Wartezeiten rechnen. Temporäre Versorgungsengpässe hält er daher künftig für möglich.
Versorgungsengpässe frühzeitig antizipieren
Unternehmen sollten ihre Energieversorgung nicht allein auf die bisherige Zuverlässigkeit der öffentlichen Netze stützen, sondern mögliche Störungen frühzeitig in ihre strategische Planung einbeziehen.
Krisenvorsorge und Energieversorgung gehören zusammen
Ein zukunftsgerichteter Umgang mit Energie umfasst mehr als die reine Beschaffung von Strom und Wärme. Hier geht es auch um die Frage, wie ein Unternehmen bei Versorgungsunterbrechungen handlungsfähig bleibt.
Da kommt das sogenannte Business Continuity Management ins Spiel: Unternehmen überlegen, welche Prozesse im Krisenfall unbedingt weiterlaufen müssen und welche Alternativen ihnen zur Verfügung stehen.
Eine mögliche Lösung kann der Aufbau paralleler Energieversorgungssysteme sein. Da gibt es beispielsweise den Bäcker, der zwischen verschiedenen Energiequellen wechseln kann. Eine solche Absicherung ist selbstredend mit Investitionen verbunden. Aber nicht für jeden Betrieb sind diese wirtschaftlich sinnvoll.
Christof Rautenberg macht deutlich, dass die passende Strategie stets von den betrieblichen Anforderungen abhängt. Es liegt auf der Hand, dass Unternehmen mit zeitkritischer Produktion andere Lösungen benötigen als Betriebe, die Waren vorproduzieren und lagern können.
Wirtschaftlichkeit entscheidet über die richtige Energielösung
Bei allen technologischen Möglichkeiten steht für Christof Rautenberg die Wirtschaftlichkeit im Mittelpunkt. Nicht jede technisch interessante Lösung ist automatisch eine sinnvolle Investition.
Bei vielen Energieprojekten betrachten Unternehmer Amortisationszeiträume von zwei bis vier Jahren. Geht es um eine langlebige Infrastruktur, bei der die Anlagen über viele Jahre genutzt werden, können längere Zeiträume sinnvoll sein. Gerade für mittelständische Unternehmen mit begrenztem Investitionsbudget ist es wichtig, hier sorgfältig abzuwägen. Entscheidend ist, welche Maßnahmen langfristig Kosten senken, Risiken reduzieren und gleichzeitig die betriebliche Leistungsfähigkeit sichern.
Wasserstoff, Batteriespeicher und Eigenversorgung differenziert bewerten
Neue Energietechnologien dürfen nicht pauschal als Zukunftslösung betrachtet werden. Für Christof Rautenberg ist beispielsweise Wasserstoff vor allem dort sinnvoll, wo er unmittelbar als Bestandteil industrieller Produkte oder Prozesse eingesetzt wird. Als allgemeines Speichermedium für Energie bewertet er ihn wegen der Umwandlungsverluste deutlich kritischer.
Bei Batteriespeichern hebt er die Bedeutung des Wirkungsgrades hervor. Je nach technischer Ausführung und Kombination der Anlagen entstehen erhebliche Unterschiede. Daher kommt es nicht nur darauf an, Energie zu speichern, sondern dies auch möglichst verlustarm und wirtschaftlich zu tun.
Grundsätzlich gilt:
Die Technologie muss zur tatsächlichen Anwendung passen – nicht umgekehrt.
Energieeinsparung beginnt mit der Analyse betrieblicher Prozesse
Unser Gespräch kommt jetzt auf einen besonders praxisnahen Teil, nämlich die Frage, wie Unternehmen ihre Energieeffizienz konkret verbessern können.
Am Anfang steht eine fundierte Analyse des Energieverbrauchs. Dazu gehören Verbrauchsdaten, Lastprofile, technische Anlagen und die tatsächlichen Produktionsprozesse.
Die ersten Verbesserungen gibt es, wenn unnötige Energieverschwendung beseitigt wird. Dabei geht es nicht nur um technische Maßnahmen, sondern auch um auch das Verhalten der Mitarbeitenden.
Für umfangreichere Veränderungen gilt:
verschiedene technische Alternativen bewerten,
Investitionskosten berechnen und
Realisierungszeiten berücksichtigen.
Förderprogramme können die Finanzierung unterstützen. Nach Christof Rautenbergs Auffassung sollten sie jedoch nicht der Ausgangspunkt einer Investitionsentscheidung sein. Zunächst sollte die Maßnahme technisch und wirtschaftlich überzeugen. Die Förderung ist ein zusätzlicher Vorteil. Auf den sollten sich Unternehmen aber nicht uneingeschränkt verlassen.
Abwärme und betriebliche Zusammenarbeit bieten zusätzliche Potenziale
Bislang ungenutzte Energiequellen zu heben, ist ein weiterer wichtiger Aspekt. In vielen Produktionsbetrieben entsteht Wärme, die nicht vollständig für den eigentlichen Produktions-prozess benötigt wird. Anstatt diese Energie ungenutzt abzugeben, können Unternehmen prüfen, ob sie für andere Prozesse, für die Gebäudeheizung oder sogar für benachbarte Betriebe eingesetzt werden kann.
Die Beispiele zeigen: Effiziente Energienutzung muss nicht immer innerhalb der eigenen Unternehmensgrenzen enden. Auch Kooperationen zwischen Betrieben können neue wirtschaftliche und ökologische Möglichkeiten eröffnen.
Erhebliche Einsparpotenziale – aber keine pauschalen Versprechen
Mögliche Einsparungen lassen sich laut Christof Rautenberg nicht seriös beziffern, ohne zuvor die individuelle Ausgangssituation eines Unternehmens untersucht zu haben.
Und doch sieht er beträchtliche Potenziale. Bei mittelständischen Betrieben, die sich bisher wenig mit Energieoptimierung beschäftigt haben, hält er Einsparungen in einer Größenordnung von rund 20 Prozent grundsätzlich für möglich.
Durch umfassendere Veränderungen – beispielsweise die Kombination aus eigener Stromerzeugung, Energiespeichern und optimiertem Energiebezug – können unter geeigneten Voraussetzungen auch deutlich höhere Stromkosteneinsparungen erreicht werden: mögliche Größenordnung von 60 bis 70 Prozent.
Diese Werte sind jedoch ausdrücklich als Beispiele für mögliche Potenziale zu verstehen, nicht als allgemeine Einspargarantie. Entscheidend sind immer die betrieblichen Voraussetzungen und die eingesetzten Maßnahmen.
Ökologie und Ökonomie sind keine Gegensätze
Es wird deutlich, dass ein verantwortungsvoller Umgang mit Energie sowohl wirtschaftliche als auch ökologische Vorteile bieten kann.
Weniger Energieverbrauch bedeutet häufig geringere Betriebskosten und gleichzeitig eine geringere Umweltbelastung. Gleichwohl sollen Maßnahmen für mittelständische Unternehmen finanzierbar bleiben und eine angemessene Wirtschaftlichkeit gewährleisten.
Zusammengefasst ist eine ausgewogenen Betrachtung notwendig: Nachhaltigkeit darf nicht losgelöst von der wirtschaftlichen Existenz eines Unternehmens gedacht werden. Umgekehrt kann ein Betrieb langfristig nur erfolgreich sein, wenn er auch die ökologischen Rahmenbedingungen berücksichtigt. Für Unternehmerinnen und Unternehmer besteht die entscheidende Aufgabe darin, wirtschaftliche Stabilität und nachhaltige Energienutzung miteinander zu verbinden.
Der Praxistipp: Mitarbeitende stärker einbeziehen
Zum Abschluss gibt Christopf Rautenberg eine besonders einfach umsetzbare Empfehlung: Unternehmen sollten ihre Mitarbeitenden gezielt fragen, wo im betrieblichen Alltag Energie verschwendet wird.
Denn diejenigen, die täglich an Maschinen, Anlagen und Produktionsprozessen arbeiten, erkennen häufig Schwachstellen, die der Unternehmensleitung nicht unmittelbar auffallen. Schon kleine Verbesserungen können sich langfristig summieren. Ein betrieblicher Ideenaufruf kann deshalb ein sinnvoller erster Schritt sein.
Die Quintessenz: Energie strategisch denken und schrittweise handeln
Zukunftssicheres Energiemanagement bedeutet weit mehr, als günstige Stromtarife zu finden oder einzelne Anlagen auszutauschen.Hier geht es darum, die Energieversorgung eines Unternehmens ganzheitlich zu betrachten – von der Versorgungssicherheit über den tatsächlichen Verbrauch und die eingesetzten Technologien bis hin zur Krisenvorsorge und Wirtschaftlichkeit.
Für mittelständische Unternehmen lassen sich daraus drei wesentliche Erkenntnisse ableiten:
Versorgungssicherheit aktiv planen: Abhängigkeiten erkennen, Risiken bewerten und geeignete Alternativen vorbereiten.
Mitarbeitende und Partner einbeziehen: Praxiswissen nutzen, Potenziale gemeinsam erschließen und Verbesserungen Schritt für Schritt umsetzen.
Die wichtigste Botschaft:
Unternehmen müssen nicht sofort ihre gesamte Energieversorgung umstellen. Entscheidend ist, jetzt anfangen, Transparenz über den eigenen Energieverbrauch schaffen und Maßnahmen nach Wirtschaftlichkeit und Wirkung priorisieren. So kann aus einer wachsenden Herausforderung eine Chance werden: für geringere Kosten, größere Widerstandsfähigkeit und eine nachhaltigere Zukunft des Mittelstands.
Der Kompetenzpool Ressourceneffizienz ist ein Zusammenschluss von Institutionen aus Wirtschaft, Forschung und Verwaltung auf Bundes- und Landesebene. Sie unterstützen Unternehmen mittels Beratung, Förderung und technischem Know-how bei der Planung und Umsetzung von Ressourceneffizienz-Maßnahmen. Der dazu angebotene Tool-Atlas ist eine Sammlung von Instrumenten und Informationen der Partnerinnen und Partner im Kompetenzpool. Die Arbeitsmittel unterstützen bei der Analyse des eigenen Ressourcenverbrauchs sowie bei der Umsetzung von Maßnahmen zur Steigerung der Ressourceneffizienz.
FAQ - Häufige Fragen zur Energieversorgung im Mittelstand
Wie können mittelständische Unternehmen ihre Energieversorgung langfristig sichern?
Unternehmen sollten mögliche Versorgungsengpässe frühzeitig in ihre strategische Planung einbeziehen. Dazu gehört, kritische Betriebsprozesse zu identifizieren, Abhängigkeiten vom öffentlichen Stromnetz zu bewerten und geeignete Alternativen zu prüfen. Ein Business Continuity Management hilft, die Handlungsfähigkeit auch bei Versorgungsunterbrechungen zu sichern.
Wie können Unternehmen ihre Energiekosten nachhaltig senken?
Der erste Schritt ist eine systematische Analyse des Energieverbrauchs, der Lastprofile und der betrieblichen Prozesse. Darauf aufbauend lassen sich Energieverschwendung reduzieren und wirtschaftlich sinnvolle Maßnahmen entwickeln. Potenziale bieten beispielsweise die Nutzung von Abwärme, optimierte Produktionsabläufe oder eigene Energieerzeugung. Wie hoch die Einsparungen ausfallen, hängt von den individuellen Voraussetzungen ab.
Welche Energietechnologien lohnen sich für mittelständische Unternehmen?
Ob Batteriespeicher, Wasserstoff oder eigene Stromerzeugung wirtschaftlich sinnvoll sind, hängt vom konkreten Energiebedarf und den betrieblichen Anforderungen ab. Entscheidend sind Investitionskosten, Wirkungsgrad, Amortisationszeit und Versorgungssicherheit. Förderprogramme können die Finanzierung erleichtern, sollten aber nicht ausschlaggebend für die Investitionsentscheidung sein.
Video zu Vitamin C: Zukunftsgerichteter Umgang mit Energie
Vitamin C: Interview mit Cornelia Gärtner
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Netzwerkprofi mit großer Freude an wertschätzender Kommunikation und Erfolg. Sie liebt es, Menschen in Kooperation zu bringen. Dipl. Soziologin & Informatik-Betriebswirtin (VWA) & City-Managerin & Industriekauffrau & Betriebliche Gesundheitsmanagerin & Inhaberin der ConnyUnity. Über ein Jahrzehnt Engagement für den Mittelstand. Leitung von Der Mittelstand. BVMW e. V. Hessen und BVMW Geschäftsstelle Frankfurt am Main. Ansprechpartnerin für Presse und Politik. Gemeinsam mit fast 20 Repräsentanten vernetzt und positioniert sie in Hessen rund 1.000 Mitgliedsunternehmen und gibt ihnen eine starke Stimme.
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